Anmelden
Das Team um Tanja Woodroffe vor dem Stand der Firma Häussler auf dem Münsterplatz am Tag des Einstein Marathons: Barbara Hamich, Tanja Woodroffe, Franziska Weidle, Muneer Gaashan, Eugen Dötzel, Felix Capanni, Michael Munz, Armin Zepf (von links).
Angewandte Forschung, die das Leben leichter macht
Skip Navigation LinksHochschule UlmDEForschung, die das Leben leichter macht

Tanja Woodroffe nimmt am 10 Kilometer Walking Wettbewerb des Einstein Marathons teil

„Seit meinem Unfall hatte ich stets Probleme mit dem Fuß. Die Mobilität ist nicht so eingeschränkt wie bei anderen Betroffenen, aber ich hatte nach körperlichen Aktivitäten immer enorme Schmerzen.“ Tanja Woodroffe wurde 1992 von einem LKW, der ihre grüne Fußgängerampel missachtete, überrollt. Dabei verlor sie ihren linken Vorfuß. Sie ist damit eine von nur etwa 50 Patienten, denen in Deutschland im Jahr der Vorfuß in Folge eines traumatischen Zwischenfalls amputiert werden muss. Bei dieser geringen Anzahl von Betroffenen lohnt es sich für die Industrie nicht, individuelle Lösungsansätze jenseits von orthopädischen Schuhen und sogenannten Silikonprothesen zu entwickeln. Mit den herkömmlichen Lösungen können viele Patienten allerdings nicht physiologisch korrekt laufen, von sportlichen Aktivitäten ganz zu schweigen. Dadurch sind sie in ihrem Alltag sehr eingeschränkt.

Hier setzt das Projekt Vorfußprothese an, in dem die Forschungsgruppe Biomechatronik der Hochschule Ulm seit vier Jahren mit dem Sanitätshaus Häussler (vertreten durch Armin Zepf) aus Ulm zusammenarbeitet. Das vom Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand und der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen geförderte Vorhaben hat zum Ziel, vorfußamputierten Patienten individuell angepasste Prothesen speziell für sportliche Belange zur Verfügung zu stellen.

​Im Labor für Bewegungsanalyse der Hochschule Ulm wird die Biomechanik des Gangs von Tanja Woodroffe durch Eugen Dötzel mit Hilfe hochmoderner Sensorik analysiert.  Die ermittelten Gangparameter werden gemeinsam mit den Daten der weiteren Studienteilnehmer von Muneer Gaashan in einem numerischen Simulationsmodell verarbeitet. Beide Absolventen des Masterstudiengangs Medizintechnik forschen in sogenannten kooperativen Promotionen auf dem Gebiet der Biomechanik. Doktorvater ist dabei Professor J.M. Steinacker, Leiter der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin des Universitätsklinikums Ulm. Physiotherapeutisch wird das Team von Barabara Hamich (Universitäts- und Rehabilitationsklinikum Ulm) und Franziska Weidle (Hochschule Ulm) unterstützt.

 

Die Firma Häussler verwendet den Datensatz des numerischen Modells von Muneer Gaashan, um anhand der vorliegenden Parameter (Amputationshöhe, Mobilitätsgrad des Patienten, etc.) eine speziell auf die vom Patient gewünschten Belastungsparameter angepasste Prothese herzustellen, die ihm einen möglichst natürlichen Bewegungsablauf ermöglicht. „Unser Kooperationspartner ist schon nach dieser ersten Studie in der Lage, deutlich bessere Prothesen herzustellen als bisher, auch wenn wir die Genauigkeit der Ergebnisse durch eine Langzeitstudie natürlich noch weiter verfeinern müssen“, so Professor Felix Capanni von der Hochschule Ulm. Zusätzlich zu den Untersuchungen im Labor,  sind zusammen mit Professor Michael Munz weitere Messungen im Freien unter Verwendung von Inertialsensoren geplant.

Tanja Woodroffe hat durch ihre individuell angepasste Prothese eine enorme Verbesserung ihrer Lebensqualität erfahren: „Laufen hat mir nie Spaß gemacht. Ich war zwar immer mobil und viel unterwegs, aber Laufen war immer mit Schmerzen behaftet. Als ich das erste Mal mit meiner Prothese zu meinem Doktor gefahren bin, musste ich ein wenig weiter weg von der Praxis parken. Da hab ich gemerkt „Moment mal, Laufen kann ja Spaß machen“. Weil die Schmerzen eben deutlich geringer waren als zuvor“. Früher konnte Frau Woodroffe nur alle zwei Wochen zum Badmintonspielen gehen, heutzutage geht sie zweimal die Woche.

Am Sonntag nahm sie am 10 Kilometer Walking Wettbewerb des Einstein Marathons teil. Mit 1:47 unterbot sie dabei ihre Zielzeit von zwei Stunden deutlich: „Die letzten drei Kilometer waren dann doch schmerzhaft. Aber ohne die neue Prothese wäre es undenkbar gewesen, dass ich so eine lange Strecke in so einer Zeit bewältige. Es war ein tolles Erlebnis mit einer super Truppe. Wir peilen nächstes Jahr einen weiteren Start mit verbesserter Zeit an.“ Der bisherige Höhepunkt einer hoffnungsvollen Entwicklung.

25.09.2018 15:45

Quicklinks